Social Freezing: Wenn Eizellen „für später“ eingefroren werden sollen


Social Freezing: Kinderwunsch erst später - apotheken-wissen.de

Erst Karriere, dann Partner, dann Kinder? *

Social Freezing ist ein relativ junger Begriff in der Frauenheilkunde und hier insbesondere in der Reproduktionsmedizin. Es geht dabei um die Überlegung, Eizellen bei einer Frau zu entnehmen, diese anschließend einzufrieren und für einen späteren Zeitpunkt im Leben wieder aufzutauen und in eine Schwangerschaft münden zu lassen. Warum wird das Thema Social Freezing gerade jetzt und durchaus sehr kontrovers diskutiert? Dass die Assistierte Reproduktionstechnik (ART) bei ungewollt kinderlos bleibenden Paaren seit vielen Jahren Einzug gehalten hat ist gut und richtig. Das Thema Social Freezing geht aber einen Schritt weiter und wirft die Frage auf: ist alles, was heutzutage bereits möglich ist, auch gut und richtig? apotheken-wissen.de informiert gemeinsam mit unserem Experten für Reproduktionsmedizin, Herrn Prof. Dr. Jan-Steffen Krüssel vom Universitären Kinderwunschzentrum in Düsseldorf, über das Thema Social Freezing.

Begriffsklärung und Hintergrund: Freezing / Kryokonservierung

Unter dem Begriff „Freezing“ versteht man in der Reproduktionsmedizin rund um einen unerfüllten Kinderwunsch den Fachbegriff einer Kryokonservierung bzw. einer Kryobehandlung, bei der nach entsprechenden Voruntersuchungen und Vorbehandlungen Eizellen der Frau entnommen und dann für einen (wann auch immer) späteren Einsatz eingefroren werden. Neben den sogenannten „frischen“ Behandlungsverfahren in-vitro-Fertilisation (IVF) und intrazytoplasmatische Spermiuminjektion (ICSI) oder der Kombination beider Verfahren (IVF/ICSI) gibt es bereits seit längerem mit der Kryobehandlung dieses dritte Verfahren. Laut Statistik des Deutschen IVF-Registers wurden 2012 gut 19.000 Kryobehandlungen von den Kinderwunschzentren in Deutschland durchgeführt, und damit hatte diese Methode einen Anteil von knapp 25% aller Kinderwunschbehandlungen. Ursprünglich entstand die Kryobehandlung vor dem Hintergrund, Eizellen, die nach einer IVF- oder ICSI-Behandlung übrig blieben und der Frau nicht zurückgeführt wurden, als „Reserve“ einzufrieren und somit als Alternative zu einer neuen und weiteren Hormonbehandlung zu dienen.

Begriffsklärung und Hintergrund: Social Freezing

Das Verfahren entspricht grundsätzlich der oben genannten Kryobehandlung. Nach entsprechenden Voruntersuchungen und einer hormonellen Stimulation werden der Frau Eizellen entnommen und eingefroren. Der Begriff Social Freezing beschäftigt sich jedoch weniger mit dem Verfahren, sondern ausschließlich mit dem Motiv rund um diese Behandlung. Hintergrund: anders als beim Mann, der bis ins hohe Alter hinein stets frische Spermien produziert, werden alle lebenslang verfügbaren Eizellen schon in der embryonalen Entwicklung einer Frau angelegt. Damit ist sowohl ihre Anzahl / ihr Vorrat begrenzt, als auch die Qualität und Leistungsstärke der Eizellen mit zunehmendem Alter der Frau nachlassend. Demzufolge und das zeigen alle Analysen und Statistiken: je jünger die Frau ist, desto besser sind die Aussichten, schwanger zu werden. Oder anders herum ausgedrückt: eine ungewollte Kinderlosigkeit, ein unerfüllter Kinderwunsch werden immer schwieriger behandelbar, je älter die Frau ist. Und dieser Trend kann bereits mit dem 30. bis 35. Lebensjahr sehr deutlich zu Tage treten.

Kernpunkt der Motivlage bei den Überlegungen, ein Social Freezing durchführen zu lassen, ist das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen, ohne dass es dafür einen „herkömmlichen“ medizinischen Grund gibt.

Motive für ein Social Freezing

Wie im vorangegangen Absatz beschrieben beschäftigen sich der Begriff und die Diskussionen rund um das Thema Social Freezing mit den Motiven, weswegen sich Frauen (und auch Reproduktionsmediziner) mit diesem Thema beschäftigen – und das auch durchaus kontrovers. Dabei dreht sich die durchaus kontroverse Diskussion unter den Reproduktionsmedizinern um die Frage: ist alles, was gewünscht wird und heutzutage bereits möglich ist, auch gut und richtig? Medizinische, ethische, gesellschaftliche und letzten Endes auch kaufmännische Gesichtspunkte spielen hier eine Rolle. Aus Sicht der Frauen sind es hier die Motive, ihren Kinderwunsch aktuell nicht erfüllen zu wollen oder zu können und sich durch eine spätere Befruchtung dieser „jungen und starken“ Eizellen größere Chancen auf eine Schwangerschaft jenseits des 35. Lebensjahrs zu bewahren.

Relativ unumstritten ist dabei der vorbeugende Schutz einer besseren Schwangerschaftschance, für den bspw. das reproduktionsmedizinische Netzwerk FertiPROTEKT steht. Es soll Frauen und Männern vor und nach einer Chemo- oder Strahlentherapie die Möglichkeit zu geben, sich nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit beraten und Maßnahmen wie eine Kryobehandlung zum Schutz ihrer Fruchtbarkeit vor einer Krebstherapie durchführen zu lassen.

Anders und hier eben sehr kontrovers diskutiert sind die Motivlagen, die auf einer eher individuell-persönlich ausgerichteten und sich in der heutigen Gesellschaft durchaus stark veränderten Lebensplanung der Frau basieren. Laut einer Studie** der europäischen Vereinigung der Reproduktionsmediziner (ESHRE) ergeben erste Befragungen dazu folgendes Bild:

  • Alter der befragten Frauen: sie waren beim Erstkontakt / der Beratung zum Thema Social Freezing im Schnitt ca. 36 Jahre alt.
  • Über 80% der Frauen waren zu diesem Zeitpunkt Single. Motiv: bisher noch nicht den richtigen Partner / Vater für ein Kind gesucht und/oder gefunden.
  • Ein überdurchschnittlicher Anteil der Frauen sind Akademiker bzw. geben als Grund das aktuelle Berufsleben an. Motiv: Erst Karriere, Kinder erst später.
  • Weiterer Grund: Angst vor einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz (engl. premature ovarian insufficiency oder abgekürzt POI), bei der die Eierstöcke der Frau aus unterschiedlichen Gründen und sehr viel früher als „normal“ nur ungenügend oder überhaupt nicht mehr ihren Aufgaben nachkommen – wobei das bei möglichen Eintritt dann wieder eine medizinische Indikation wäre.

Gut 60% hatten ein Social Freezing (auch Oozyten-banking genannt) durchgeführt:

  • Keine Befragte aus dieser Gruppe bedauerte, das Social Freezing durchgeführt zu haben.
  • 95% würden ein Social Freezing wieder durchführen.
  • Die meisten Frauen würden andere darin bestärken, ein Social Freezing durchzuführen.
  • Nur die Hälfte glaubt, die kryokonservierten (eingefrorenen) Oozyten (Eizellen) jemals zu nutzen.

Knapp 40% hatten kein Social Freezing nach der Erstberatung durchgeführt:

  • Knapp 60% der aus dieser Gruppe Befragten bedauerte nicht, kein Social Freezing durchgeführt zu haben.
  • Gut 70% würden es anderen Frauen dennoch empfehlen.
  • Knapp die Hälfte der Frauen hätten ein Social Freezing durchführen lassen, wenn es mit geringeren Kosten verbunden wäre.

Chancen und Kosten eines Social Freezings:

  • Die Gründe, ein Social Freezing abzulehnen, waren die begrenzten Chancen und die relative hohen Kosten.
  • Eine Social Freezing Behandlung und Konservierung kann durchaus im fünfstelligen Euro-Bereich liegen.

**Studie: Stoop et al., Belgien = ESHRE 2013, O-112. nach Prof. M. von Wolf, Post-ESHRE-Symposium, Frankfurt/Main, 19.07.201, 138 Frauen, die zu diesem Thema beraten wurden mit einem Nachfass-Interview frühestens ein Jahr später.

Social Freezing: Kontroverse in der Reproduktionsmedizin

Die Befürworter des Social Freezings erklären dazu:

  • Ist es vielleicht dennoch eine medizinische Indikation, auch wenn sie erst Jahre später Realität wird?
  • Mit der Vitrifikation der Eizellen (Verfahren, bei dem den Zellen durch Zugabe bestimmter Lösungen das intrazelluläre Wasser entzogen wird, damit anschließend eine ultraschnelle Kryokonservierung (Tiefgefrierung) unternommen werden kann) sind reproduzierbare Fertilisierungs- und Schwangerschaftsraten auch nach unbegrenzt (?) langer Lagerungsdauer der Eizellen möglich.
  • Die Anzahl und Qualität der Eizellen sind in jungem Alter erwiesenermaßen signifikant besser.
  • Die hormonelle Stimulation, die Entnahme und Tiefgefrierung von Eizellen sind heutzutage Routineverfahren.
  • Die Kosten sind überschaubar und – obwohl von keinen Krankenkassen übernommen – für viele Frauen eine lohnende Investition.

Diejenigen, die etwas weniger offensiv mit dem Thema umgehen, erklären dazu, schränken ein und stellen Fragen:

  • Kann es vertretbar sein, medizinische Behandlungen ohne eine „harte“ medizinische Indikation durchzuführen?
  • Sollte es vielleicht ein Maximalalter für einen späteren Rücktransfer der Eizellen geben? Wenn ja: wer soll das festlegen? Bleibt es bei der Autonomie der Frau oder sollten es medizinische/gesellschaftliche Grenzen sein?
  • Wie viele Frauen greifen überhaupt auf ihre „Eizellbank“ zurück?
  • Wird dadurch nicht die „natürliche“ Familienplanung verändert? Ist es familiär und gesellschaftlich gut bzw. richtig, wenn die Eltern immer älter werden?
  • Ist das ethisch (medizinisch / gesellschaftlich) vertretbar?
  • Wenn, wie in der Reproduktionsmedizin oftmals üblich, die Regeln im Ausland lockerer sind als in Deutschland: schicken wir dann nicht automatisch die Frauen, die sich für ein Social Freezing entscheiden, aus dem naheliegenden deutschen Kinderwunschzentren in ein weit entfernt ausländisches Zentrum?
  • Sollte sich dann tatsächlich in späteren Lebensjahren der Kinderwunsch nicht erfüllen: Können nicht andere Wege, beispielsweise eine erst dann einsetzende Kinderwunschbehandlung oder eine Eizellspende, Alternativen zum Social Freezing sein?

Momentanes Fazit zum Social Freezing

Vor allem die Motive „Erst Berufsleben / Karriere“ und „Warten auf den richtigen Partner“ sind die Eckpunkte der kontroversen Diskussion, ob ein vor allen hier klar medizinisch nicht indiziertes Social Freezing richtig oder falsch, gut oder schlecht, vertretbar oder nicht vertretbar ist.

Finale Entscheidungen und Richtlinien gibt es verordnet oder übergreifend selbst auferlegt in Deutschland bisher nicht (März 2014). Insofern gibt es in Deutschland Kinderwunschzentren, die offen und offensiv sind in Sachen Social Freezing, solche, die momentan noch unentschlossen sind und solche, die sich bis dato dem Themas nicht annehmen wollen und solche, die zunächst einmal auf klare, allgemeinverbindliche Regelungen warten wollen.

Die Frau, Patientin und Social Freezing Interessierte hingegen ist und bleibt mündig, sollte sich eingehend beraten lassen und kann ihre Entscheidung wie bisher auch ganz alleine und autark treffen.

Unser Experte zum Thema Kinderwunsch-Behandlungen: Prof. Dr. med. Jan-S. Krüssel

apotheken-wissen.de: Kinderwunsch-Experte Prof. Dr. med. Jan-S. Krüssel

Prof. Dr. med. Jan-S. Krüssel *

Prof. Dr. med. Jan-S. Krüssel ist ein langjährig erfahrener und einer der erfolgreichsten Reproduktionsmediziner in Deutschland. Er leitet das interdisziplinäre Kinderwunschzentrum an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Düsseldorf (kurz: UniKiD) und berichtet hier über die grundlegende Fragen und Antworten zu Gründen und Behandlungsmöglichkeiten bei einer ungewollten Kinderlosigkeit / einem unerfüllten Kinderwunsch. Prof. Dr. med. Jan-S. Krüssel war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, ist Vorstandsmitglied des Deutschen IVF-Registers sowie Vorstand der Arbeitsgemeinschaft universitärer reproduktionsmedizinischer Zentren und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer für das Fachgebiet Gynäkologie/Reproduktionsmedizin.

Das UniKiD ist das interdisziplinäre Kinderwunschzentrum an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Düsseldorf. Heute werden dort jährlich weit mehr als 1.000 Behandlungen durchgeführt – und damit ist das UniKiD das größte universitäre Kinderwunschzentrum in Deutschland.

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* Bildquelle: © 77SG – Fotolia.com

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