Reizstromtherapie – Einsatz und Wirkung


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Patientin bei einer Reizstromtherapie für das Fußgelenk *

Schon als Kind wird man vor der Gefahr von elektrischem Strom gewarnt, da die Auswirkung eines Stromschlages in den meisten Fällen tödlich endet. Allerdings bedeutet eine Stimulation mit schwachen Stromimpulsen aus Gleichstrom oder niederfrequentiertem Wechselstrom im Bereich der medikamentenlosen Schmerztherapie durchaus eine große Bereicherung. Bei der sogenannten Reizstromtherapie macht man sich die hohe Leitfähigkeit des menschlichen Organismus zunutze, indem über Elektroden, die auf die Haut geklebt werden, Strom durch den Körper geleitet wird, um gezielte Muskelkontraktionen zu verursachen. Bereits in der Antike wurden die Elektroschocks von Zitterwelsen und –aalen dafür verwendet, um Schmerzen zu behandeln, indem man sie in die Nähe der betreffenden Körperstellen hielt. Die heute bekannte Reizstromtherapie wird erst seit mehreren Jahrzehnten eingesetzt.

Der Physiotherapie-Experte Jens Weber informiert hier aus seiner Sicht die Einsatzbereiche und die möglichen sowie vor allem sinnvollen Anwendungsbereiche des Reizstroms.

Welche Arten der Reizstromtherapie gibt es?

Normalerweise unterscheidet man bei der Reizstromtherapie zwischen der Transkutanen Elektrischen Nervenstimulation (TENS) und der Elektrischen Muskelstimulation (EMS). Beide Methoden sind leicht in der Handhabung und gut zuhause anzuwenden. Dabei wird ein Stimulationsgerät über Elektroden an den Körper angeschlossen. Impulsart und Stromstärke sind hierbei genauestens voreinzustellen.

Die TENS – Methode wirkt vor allem durchblutungsfördernd und schmerzstillend. Stärke und Dauer der Behandlung werden entsprechend der Intensität der Beschwerden individuell angepasst. Dabei wird schwacher Wechselstrom mit einer niedrigen Frequenz zwischen 10 und 100 Hertz eingesetzt. Die Elektroden werden nah an den schmerzenden Stellen angebracht und der Patient verspürt während der Behandlung keinen Schmerz, nur ein leichtes Kribbeln ist zu bemerken. Diese Missempfindungen schaffen einen Gegenreiz zum Schmerz, der die Weiterleitung der Schmerzimpulse regelrecht blockiert. Gleichzeitig wird die Produktion von Endorphinen angeregt, wodurch der Betroffene eine höhere Schmerztoleranz erlangt. Diese schmerzstillende Wirkung hält normalerweise einige Stunden an und kann für Schmerzpatienten eine wahre Wohltat bedeuten.

Bei der EMS – Methode können einzelne Muskeln, die beispielsweise durch Fehlhaltungen oder Verletzungen geschwächt wurden, trainiert werden. Viele Fitnessstudios bieten mittlerweile auch EMS – basiertes Training an, allerdings ist diese Methode nicht zum reinen Abnehmen ohne weiteres Training geeignet, da nur einzelne Muskeln trainiert werden und der Energieverbrauch daher zu gering ist, um Gewicht zu verlieren. Die Elektrische Muskelstimulation wird vielmehr begleitend zum eigentlichen Krafttraining empfohlen. Sie kann außerdem bei altersbedingter Inkontinenz oder nach einer Schwangerschaft sinnvoll angewendet werden, um die Beckenbodenmuskulatur zu stärken.

Die wohl bekannteste Art der Behandlung mit Reizstrom ist der Herzschrittmacher. Hier wird durch gezielte, fortlaufende Stromstöße der Herzmuskel stimuliert und damit die Herztätigkeit stabilisiert. Daher sind Patienten von der Reizstromtherapie mit TENS oder EMS ausgenommen, da es unter Umständen zu gefährlichen Wechselwirkungen kommen kann.

Anwendungsgebiete der Reizstromtherapie

Die Reizstromtherapie kann in den unterschiedlichsten Fällen eingesetzt werden. Zum Beispiel wird sie bei Schmerzzuständen oder Durchblutungsstörungen empfohlen. Im Einzelnen gehören unter anderem die Behandlung in der Reha nach Verletzungen oder die Therapie bei Gelenkrheuma bzw. Sehnenbeschwerden dazu. Die Behandlungen, in denen gezielt die Muskeln gestärkt werden, nennen sich Elektrogymnastik.

Ein positiver Effekt der Reizstromtherapie ist unter anderem auch die Verbesserung des Stoffwechsels. Ebenfalls können Entzündungen und Durchblutungsstörungen behandelt sowie Krämpfen vorgebeugt werden. Generell kann die Reizstromtherapie dabei helfen, den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen, indem Verspannungen gelöst und Blockaden abgebaut werden. Anhand von Sonden und Elektroden werden hier auch Muskelpartien angesprochen, die sich unter anderen Umständen kaum trainieren lassen.

Anwendungsgebiete: Was sagt der Physiotherapeut?

Die Hauptanwendungsgebiete für eine Reizstromtherapie kann man in drei große Themenbereiche unterteilen:

  1. Als Therapie bei Verletzungen: Sehr gut geeignet, aber empfohlen werden hier keine Eigenversuche oder -bhandlungen, sondern ausschließlich die Behandlung durch einen professionellen Physiotherapeuten.
  2. Als Training zum Muskelaufbau: in der Physiotherapie wird hier empfohlen, die Reizstromtherapie nur in der Frühphase des Muskelaufbaus und nur mit Teilbelastung einzusetzen. Auch hier sollten der Einsatz durch einen Physiotheraeuten durchgeführt werden.
  3. Als Unterstützung zur Gewichtsreduktion: dieses Einsatzgebiet erscheint aus physiotherapeutischer Sicht sehr weitgehend ungeeignet. Besonders bei diesem Thema und in diesem Zusammenhang werden oftmals Produkte für den Einsatz und eine Eigenanwendung zu Hause angeboten. Aber nahezu alles, was für Zuhause angeboten wird, hat kaum einen wirklichen Effekt auf den Körper. Allein aus versicherungs- oder ggf. schadensersatzrelevanten Gründen wird bei vielen Heimgeräten die Stromdosis so gering gehalten, dass man zwar was spürt, sie aber keinen Schaden anrichten und somit auch nur einen sehr bedingten Nutzen erzielen kann.

Wann sollte die Reizstromtherapie nicht angewendet werden?

Neben dem bereits angesprochenen Herzschrittmacher gibt es weitere Umstände, unter denen die Reizstromtherapie nicht durchgeführt werden darf bzw. sollte. Beispielsweise bei schweren Infektionskrankheiten, metallischen Implantaten, Krebserkrankungen, Multipler Sklerose, Hautproblemen, Herzrhythmusstörungen oder Tumoren. Ebenfalls sollte auf die Therapie verzichtet werden, wenn eine Schwangerschaft vorliegt oder Thrombosegefahr besteht.

Allgemein gilt: Die Reizstromtherapie ist an den Punkten sinnvoll, an denen eine medikamentöse Behandlung keine Linderung bringt. Schmerzen werden gemildert, Verspannungen gelöst und Heilungsprozesse angeregt. Die Entwässerung und der Stoffwechsel werden gefördert. Allerdings wird empfohlen, die Behandlung von einem Experten durchführen zu lassen, da die entsprechenden Geräte zwar frei verkäuflich sind, in ihrer Qualität allerdings stark variieren und immer wieder in Frage gestellt werden. Vielfach wurden die Geräte zum Beispiel als Gürtel für den Einsatz zuhause angeboten mit dem Versprechen, drastisch für Gewichtsreduzierung und sogar einen Waschbrettbauch zu sorgen. Diese Angebote haben sich jedoch als unseriös erwiesen und sollten nicht ernst genommen werden, da diese Erwartungen mehr als unrealistisch zu bewerten sind. Diese Geräte können niemals ein Training ersetzen und ein moderates Kraft- und Ausdauertraining stärkt nicht nur die Muskeln, sondern auch Gesundheit und Wohlbefinden.

Unser Experte zum Thema Physiotherapie: Jens Weber

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Themenexperte Physiotherapie: Jens Weber

Jens Weber, Jahrgang 1959, ist Leiter und Kopf der Praxis für Physiotherapie GmbH im Therapiehaus am Bunten Garten in Mönchengladbach. Sein Werdegang führte ihn von der Ausbildung in der Universitätsklinik Düsseldorf über die Physiotherapie in einer orthopädischen Fachpraxis und die therapeutische Leitung eines ambulanten Rehazentrums bis zur eigenen Praxis für Physiotherapie im Jahr 2003.

Neben sportphysiotherapeutischen Betreuungen in der Handballbundesliga, der Deutschen Eishockeyliga und der Volleyballbundesliga sind vor allem folgende Fortbildungen hervorzuheben: Sportphysiotherapie des VPT und DosB, nichtoperative Orthopädie der Extremitäten und der Wirbelsäule, MLD, PNF, CMD, Medizinische Trainingstherapie, Rückenschullehrer, Osteoporose Trainer, Gangschule nach Rencho los Amigos (LA), Sport Physical Therapist (IAS Unsiversity, LA), Bobat Konzept, Akupunktur TCM DIU, Tuina TCM DIU.

Kontakt: www.prinzen-weber.de

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* Bildquelle: Dan Race / fotolia.de

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