Sildenafil – ein vielfältiger Wirkstoff?


Wirkstoff Sildenafil - apotheken-wissen.de

Sildenafil ist möglicherweise vielseitig einsetzbar *

Sildenafil, besser bekannt unter dem Handelsnamen „Viagra“, hat weist bereits mit seiner Entwicklungsgeschichte daraufhin, dass es ein vielfältiger Wirkstoff ist. Ursprünglich sollte das Medikament zur Behandlung von Herzbeschwerden eingesetzt werden – allerdings waren die Ergebnisse nicht zufriedenstellend. Ein besonderer „Nebeneffekt“, die erleichterte Erektion, erregte aber das Interesse der Wissenschaftler und heutzutage ist Sildenafil als Potenzmittel zugelassen. Folgende Untersuchungen deuten auf weitere mögliche Indikationen hin.

Sildenafil als Potenzmittel

Sildenafil gehört zu den Phosphodiesterase-5-Hemmern (PDE-V-Inhibitoren) und ist seit dem Jahr 1998 in Deutschland zugelassen. Die PDE-5 kommt hauptsächlich im Hoden vor und wandelt dort zyklisches Guanosinmonophosphat (cGMP) in nicht zyklisches (GMP) um. Dieser Vorgang beendet die Wirkung des cGMP als Botenstoff zur Gefäßerweiterung. Demzufolge verlängern PDE-5-Hemmer die Gefäß weitstellende Wirkung.

Sildenafil ist
dann wirksam, wenn eine Erektionsschwäche besteht, eine sogenannte Erektile Dysfunktion. Von einer Erektilen Dysfunktion wird gesprochen, wenn mindestens ein halbes Jahr lang in über zwei Dritteln der
Fälle keine ausreichende Erektion erreicht oder aufrechterhalten werden konnte. PDE-5-Hemmer bewirken, dass mehr cGMP verfügbar ist und insbesondere die venösen Gefäße der Penisschwellkörper weitgestellt sind. Mehr Blut kann einströmen, wodurch sich eine Erektion
 bildet.

Zur Behandlung Pulmonaler Hypertonie

Seit 2006 ist Sildenafil für eine weitere Erkrankung zugelassen: die pulmonale Hypertonie, ein
 erhöhter Blutdruck in den Lungengefäßen. Die Ursachen der pulmonalen Hypertonie sind vielfältig:
 Von angeborenen genetischen Störungen über Herzfehler und Störungen der Herzfunktion, Rauchen und der Konsum anderer Drogen sowie mancher Medikamente bis hin zu Infektionen mit HIV oder dem Parasiten Pärchenegel (Auslöser der Bilharziose (Schistosomiasis)) kommen diverse Auslöser in Betracht.

In der medikamentösen Behandlung sind Prostanoide, Endothelin-Rezeptorantagonisten und die PDE-5-Hemmer Sildenafil und Tadalafil zugelassen. PDE-5-Hemmer verlängern die Gefäß erweiternde Wirkung des körpereigenen Stickoxids (NO) und senken dadurch den mittleren pulmonal-arteriellen Druck (mPAP).

In seltenen Fällen tritt eine pulmonale Hypertonie bereits bei Neugeborenen oder im Kindesalter auf – zum Beispiel in Fällen von erheblichen Genmutationen. Auch bei diesen Indikationen  ist Sildenafil zur Behandlung zugelassen, sollte aber nur mit größter Vorsicht eingesetzt werden. Die Therapie der Wahl und unter ärztlicher Beobachtung ist die Verabreichung einer mittleren Dosis, die bei geringen Nebenwirkungen ausreichend starke Effekte erzielt.

Hemmung der Malaria Infektion

Die Tropenkrankheit Malaria, ausgelöst durch verschiedene Plasmodien-Arten, verursacht mehr als eine Million Todesfälle pro Jahr. Es gibt einige Möglichkeiten, sich vor dem Parasiten zu
schützen, aber nur wenige Behandlungsmöglichkeiten im Falle einer Infektion. Studien des CNRS, Inserm, der Institute Cochin und Pasteur sowie der Londoner Hochschule für Tropenmedizin und Hygiene deuten auf eine mögliche positive Wirkung von Sildenafil auf die roten Blutkörperchen hin.

Plasmodien entwickeln sich zunächst in Leberzellen weiter, bevor sie ins Blut übertreten und sich 
in den roten Blutzellen vermehren. Dies führt zur Zerstörung der Blutzellen, was sich in
den typischen Fieberschüben bemerkbar macht. In der Untersuchung der hemmte Sildenafil dieser Verformung der Blutkörperchen, sodass sie im Rahmen der Blutmauser von der Milz ausgemustert und zerstört werden.

Die Milz fungiert als eine Art blutgefüllter Schwamm, den rote Blutzellen nur durchwandern können, wenn sie durch Engstellen wandern können. Gesunde, junge Blutzellen passieren die Milz problemlos, alte Zellen bleiben stecken und werden abgebaut. Infizierte Zellen sind vor ihrer Transformation ebenfalls zu groß, um die Milz zu passieren. Indem Sildenafil die Verformung verhindert, werden die infizierten Blutzellen auf natürliche Weise von der Milz ausgeschieden.

Bevor der PDE-5-Hemmer allerdings für die Malaria-Therapie freigegeben wird, muss die Wirkung am Menschen noch eingehend erforscht werden. Zudem müssen die Forscher einen Weg finden, die erektionsfördernde Wirkung zu unterbinden. Unklar ist zudem der Effekt auf Patienten, bei denen sich die Infektion bereits im Körper ausgebreitet hat.

Schutz vor Lebersepsis

Bei einer Sepsis (umgangssprachlich „Blutvergiftung“ genannt) kommt es zu einem regelrechten Sturm von Entzündungssignalen, der Organe völlig zerstören kann. Der Tumornekrosefaktor (TNF) spielt hierbei eine wichtige Rolle, indem er Immunzellen aktiviert. Steigt aber seine Konzentration über ein gewisses Maß hinaus an, führt er zum vermehrten Absterben von Körperzellen, was bis hin zum Organversagen führen kann.

Die Universität Pittsburgh hat im Mausmodell und an menschlichen Leberzellen jedoch feststellen können, dass Sildenafil sich auf diesen Vorgang positiv auswirken kann. Es regt die Produktion von zyklischem GMP an, woraufhin mehr Rezeptoren freigesetzt werden, die den Tumornekrosefaktor binden und die Immunreaktion beschränken können.

Allerdings ist dieser Schutz nur in der frühen Phase einer Sepsis erfolgsversprechend. Sind bereits zu viele Zellen durch TNF-alpha angegriffen, zeigt sich keine Wirkung mehr. Zudem wurden zunächst nur Tests an Mäusen und menschlichen Leberzellen in Petrischalen durchgeführt. Weitere Untersuchungen an Patienten sind nötig um die Wirkung abzuklären.

Linderung von Herzinsuffizienz

Wenn der Herzmuskel nicht mehr ausreichend kräftig pumpen kann, spricht man von einer Herzinsuffizienz, die in vier Schweregrade eingeteilt werden kann (NYHA I bis IV). Die Einteilung richtet sich nach der Ausprägung der Symptomatik. Luftnot ist eine typische Beschwerde der Herzinsuffizienz. Das liegt daran, dass die linke Herzkammer, die das Blut in den Körper pumpen soll, zu schwach ist, um entsprechend zu arbeiten: Das Blut staut sich daraufhin zurück in den Lungenkreislauf, was eine Steigerung des Blutdrucks in der Lunge nach sich zieht (vgl. Pulmonale Hypertonie).

Wissenschaftler in Massachusetts untersuchten die Wirkung von Sildenafil auf Patienten mit Linksherzinsuffizienz und kamen zu dem Ergebnis, dass die Gabe des PDE-5-Hemmers das allgemeine Befinden der Patienten signifikant verbesserte und die Liegezeit im Krankenhaus um bis zu zwölf Tage verkürzen konnte. Der Lungendruck nahm ab und die allgemeine Leistungsfähigkeit steigerte sich.

Bereits frühere Untersuchungen deuteten auf positive Effekte des Wirkstoffes auf Herzerkrankungen hin. Weitere Untersuchungen müssen die Wirkung noch belegen und mögliche Risiken erforschen.

Sildenafil: ein Alleskönner?

Während Sildenafil derzeit nur für die Behandlung der Erektilen Dysfunktion bei körperlicher
 Ursache sowie der pulmonalen Hypertonie zugelassen ist, zeigen doch verschiedene Studien vielversprechende Ergebnisse bezüglich weiterer Anwendungsgebiete. Der Vorteil des PDE-5-Hemmers ist unter anderem, dass es
 ausführliche Daten auch über langjährigen Gebrauch gibt und Nebenwirkungen wie Gegenanzeigen bekannt sind. Bevor eine Zulassung für eine weitere Indikation erfolgen kann, müssen die Studienergebnisse in großangelegten Studien jedoch zweifelsfrei belegt und das Nutzen-Risiko-Verhältnis abgewogen werden. Dabei stellt sich für jede Untersuchung die Frage, ob die Ergebnisse bei einer Wiederholung (insb. von Tierversuchen oder kleinen Testgruppen) erneut ermittelt werden können.

* Bildquelle: nito / shuttersock.com

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