Prosopagnosie – Wenn im wahrsten Sinne des Wortes alle gleich aussehen


Wenn eine Erkrankung das Unterscheiden von Gesichtern unmöglich macht*

Wenn eine Erkrankung das Unterscheiden von Gesichtern unmöglich macht *

Sie grüßen nicht, gehen wortlos vorbei und scheinen einen nicht mehr zu kennen. Für viele Menschen, die sich auf diese Art und Weise verhalten, handelt es sich hierbei weder um Desinteresse noch um morgendliche Müdigkeit, sondern um eine Erkrankung, die ihr gesamtes Leben bestimmt. Sie leiden unter einer sogenannten Prosopagnosie, passenderweise auch Gesichtsblindheit genannt. Laut vorsichtigen Studien kann allein in Deutschland von ca. zwei Millionen Betroffenen ausgegangen werden, mit genauen Zahlen hält man sich aufgrund der Komplexität der Vorgänge im menschlichen Gehirn zurück. Nach diesen Schätzungen wären ca. 2,5 Prozent der Bevölkerung involviert.

Was genau ist eine Prosopagnosie und wie äußert sie sich?

Menschen mit einer solchen Erkrankung erkennen weder den Nachbarn auf der Straße noch den Kollegen im Büro am Äußeren. Das was ein Säugling normal bereits nach wenigen Monaten beherrscht haben sie nie gelernt: Ein Gesicht wiederzuerkennen. Ihren Namen verdankt die Krankheit einer Zusammensetzung aus den beiden griechischen Wörtern „Prosopon“, das Gesicht, und „Agnosia“, das Nichterkennen. Patienten, die an der Krankheit leiden, sind im täglichen Leben sowie in sämtlichen privaten sowie öffentlichen Schritten massiv eingeschränkt, da es täglich unzählige Situationen geben kann, in denen es notwendig ist, die Mitmenschen zu unterscheiden. Für sie ist es lediglich anhand von weiteren Faktoren wie der Stimme möglich, ihr Gegenüber zu erkennen.

Das für andere Unvorstellbare hierbei ist: Selbst die Gesichter von Familienmitgliedern, sogar den eigenen Kindern werden nicht erkannt, ein Zustand, den sich niemand wirklich vorstellen kann. Für die Betroffenen jedoch ist es tägliche Realität. Der Bestseller des amerikanischen Wissenschaftlers und Autors Oliver Sacks „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ sorgte 1985 schließlich dafür, dass die Krankheit allgemein bekannt wurde.

Die Ausprägung und Schwere der Krankheit kann von Mensch zu Mensch variieren jedoch bleiben die Symptome im Laufe der Jahre unverändert. Eine Auswirkung besteht häufig in sozialer Ausgrenzung der Betroffenen, da Kinder ihre Spielkameraden nicht wiedererkennen und auch im Erwachsenenumfeld ein hohes Maß an Ignoranz und Intoleranz herrscht, die es den Menschen schwer machen, sich anderen anzuvertrauen.

Ursachen und Diagnose

Häufig ist die Prosopagnosie angeboren, in verschiedenen Fällen kann sie jedoch auch als Folge eines Schlaganfalls, Gehirntumors, Kreislaufstillstandes oder auch einer Hirnverletzung auftreten. Ist ersteres zutreffend so gilt es als wahrscheinlich, dass sie in der Familie liegt. Die medizinische Ursache für angeborene Gesichtsblindheit konnte bislang noch nicht wirklich ergründet werden, da sich bei der Untersuchung von sowohl kranken als auch gesunden Gehirnen keine Unterschiede auffanden.

Fakt ist jedoch, dass der Ursprung der Erkrankung weder im Auge noch in der Reizweiterleitung zum Gehirn zu finden ist. Durch diesen Umstand ist es dem behandelnden Facharzt lediglich möglich, die Krankheit anhand der vorliegenden Symptome zu diagnostizieren, wodurch es gerade bei unspezifischen Symptomen wie Vergesslichkeit oder der häufigen Verwechslung von Personen zu Schwierigkeiten bei der Erstellung der Diagnose kommen kann. Eine angeborene Prosopagnosie wird auch deswegen häufig erst spät oder auch gar nicht festgestellt, weil in diesem Fall die Gesichtsblindheit seit der Geburt vorliegt und die Patienten aus diesem Grund von Anfang an ihre eigenen Strategien entwickelt haben, die Menschen in ihrer Umgebung zu unterscheiden.

Leben mit der Gesichtsblindheit, welche Möglichkeiten und Hürden gibt es?

Bisher existiert noch keine Form der Therapie, um die Erkrankung zu beheben, vielmehr ist der Patient, ähnlich wie bei völliger Blindheit, gezwungen, mit der für ihn veränderten Umgebung umzugehen. Beispielsweise entwickeln sich mit der Zeit die Fähigkeiten, andere Menschen anhand von Gesten, Stimme oder Haltung zu erkennen, auch Frisuren oder Narben sind für Menschen mit Prosopagnosie wichtige Hinweise auf die jeweilige Person.

Eine häufige Schwierigkeit besteht unter anderem darin, dass sich Kollegen im Büro meist an bestimmten Orten wie dem Schreibtisch, einem Pausenraum oder ähnlichen Punkten aufhalten, die sich der Betroffene daraufhin merken kann, trifft man sich jedoch außerhalb des Büros wieder ist dieser Hinweis hinfällig, was häufig zu peinlichen Momenten führen kann. Ein weiterer Punkt, der den Patienten den Umgang mit anderen Menschen schwer machen kann besteht in der Intoleranz sowie dem Schubladendenken der heutigen Gesellschaft. So sind die wenigsten besonders daran interessiert, was dazu führen könnte, der Betroffene nicht grüßt sondern nur verzweifelt in die Richtung schaut. Für sie ist er im besten Fall einfach schräg und wird im schlimmsten Fall sogar als „beknackt“ abgetan. Solche und ähnliche Situationen sorgen dafür, dass sich viele aus Scham abschotten und es für sie auf diese Weise noch schwieriger wird, am normalen sozialen Leben teilzunehmen.

* Bildquelle: geralt / pixabay.com

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